Maria frisst

Es ist wieder ABC-Etüden-Zeit! Nachdem ich letztens das erste Mal mitgemacht habe, ist mir auch zur neuen Wortspende (Wackelpudding-unverdrossen-knistern) eine kleine Geschichte eingefallen. Die ABC-Etüden sind eine Art Blogparade. Ziel ist es, zu drei vorgegebenen Worten eine Text mit maximal 300 Wörtern zu schreiben. Hier geht es zum Aufruf.

Diesmal geht es um Binge-Eating, eine Essstörung, bei der exzessive Ess-Episoden auftreten.

Maria frisst

Maria stand in ihrer Küche. Vor ihr der offene Kühlschrank, neben ihr die herausgezogene Süßigkeitenschublade. „Was hatte sich ihre Chefin nur gedacht?“, fragte sie sich, während sie den Inhalt einer Familienpackung Wackelpudding in sich hineinschaufelte. Sie hatte sich dazu einen Esslöffel genommen. Das ging schneller als mit einem kleinen Löffel. Ihre Chefin hatte ihr zehn Minuten vor Dienstschluss den Auftrag gegeben, die Adressenliste der Lieferanten zu aktualisieren. Eigentlich war dieses Dokument immer verfügbar und aktuell. Maria war eine zuverlässige Sekretärin. Aus ihr unerfindlichen Gründen war die Liste einfach verschwunden. Sie hatte das betriebsinterne Intranet rauf und runter gesucht. Schikane! Reine Schikane war das!

Gedankenverloren kratzte Maria die Wackelpuddingpackung aus. Das halbe Kilo Glibbermasse lag ihr schwer im Magen. Je voller der Magen, desto weniger schwer wog ihr Ärger. Jede andere Person hätte spätestens jetzt den Raubzug durch den heimischen Lebensmittelvorrat abgebrochen. Doch Maria kam erst so richtig in Fahrt. Eine Scheibe Leberkäse, eine Nugatstange und ein Eis am Stiel fanden unverdrossen den Weg in Marias Bauch. Sie war wie im Rausch. Ganz hinten in der süßen Schublade lag noch eine Packung Ahoibrause. Die würde ihr gut tun. Sie knisterte so schön auf der Zunge…

Nach zwei Stunden, hatte Maria die Lieferantenliste neu erstellt. Als sie diese ihrer Chefin überreichen wollte, winkte die Dame ab. Sie habe sich geirrt und das Dokument aus Versehen aus dem Intranet gelöscht, aber dafür bei sich auf dem Computer gespeichert. Marias Arbeit war vollkommen umsonst gewesen.

Jetzt war Maria übel. Mit dem Ende ihrer Fressattacke kroch der Groll inklusive ihrer Magensäure die Speiseröhre empor. Es brannte in ihrem Rachen. Nicht nur, dass sie sich immer noch über ihre Chefin aufregte. Jetzt ärgerte sie sich auch noch über sich selbst. Wieder hatte sie Schindluder mit ihrem massigen Körper getrieben. Es musste sich was ändern.

9 Gedanken zu “Maria frisst

  1. Lieber Himmel, ja, und ich hoffe, dass sie das so leicht ändern kann, wie du die Geschichte erzählt hast – ich habe schon neben ihr gestanden und sie bemitleidet, die Ärmste. 🥴
    Schön, dass du wieder dabei bist! Und sollte dir noch eine Etüde einfallen, immer her damit! 😉👍
    Abendgrüße 😁🌧️🍷🍪👍

    Gefällt 3 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 05.22 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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