Mit dem Bus fahren – eine Alltagsgeschichte

Montag, den 10.02.2020

Das Auto ist kaputt. Also heißt es für mich: Busfahren!

Der Fahrplan ließ sich im Internet unkompliziert finden und herunterladen. Prima! Ich fange normalerweise halb acht an zu arbeiten. Da wäre die Abfahrtzeit meines Buses um 6:27 Uhr. Plus Laufzeit zur Haltestelle würde bedeuten, um 06:15 Uhr das Haus zu verlassen. Knapp ein und eine viertel Stunde. Zum Vergleich: mit dem Auto benötige ich inklusive Laufzeit vom Parkplatz zur Arbeitsstelle dreißig Minuten. Wenn ich einen Mietparkplatz hätte, wären es sogar nur etwa zweiundzwanzig Minuten. Ein Drittel der Zeit. Da gerade Ferien sind, ist es für mich als Lehrerin möglich, in Gleitzeit zu arbeiten. Ich bin ja nicht an Unterrichtszeiten gebunden. Also entschließe ich mich, einen Bus später zu fahren. Er fährt um 07:07 und ich werde um acht mit der Arbeit beginnen können. Ich benötige so für die Strecke Kleindehsa-Bautzen von Haustür zu Schultor eine Stunde. Also „nur“ noch das doppelte der regulären Zeit. Meine Arbeitszeit liegt demnach zwischen 08:00 und 16:30. Da zwischen 14:36 und 16:51 Uhr kein Bus nach Hause fährt, ist das für mich sinnvoller, als nach der Arbeit Leerlauf zu haben.

Die Hinfahrt

Sabine ist gnädig. Kaum Wind und Nieselregen. Ich gehe die teilweise nicht beleuchtete Dorfstraße zur Bushaltestelle. Sie besteht aus einer asphaltierten Einbuchtung und einem Schild. Kein Fußweg. Wie so häufig in den Dörfern der Oberlausitz. Zur Ehrenrettung muss aber erwähnt werden, dass es gegenüber eine neue überdachte Bushaltestelle mit Mülleimer und Sitzmöglichkeiten gibt.
Der Bus kommt pünktlich. Klasse! Für die Stecke muss ich sage und schreibe 5,10 Euro bezahlen. Na immerhin: ich bekomme einen Sitzplatz. Mein Sohn muss immer stehen auf dem Weg zur Schule. Zweiundvierzig Minuten schunkel ich nun die einundzwanzig Kilometer bis nach Bautzen. Ich hänge meinen Gedanken nach und schlafe fast ein. Das sich wiederholende Husten eines Fahrgastes verhindert dies.

Die Rückfahrt

Wenn mich nicht überraschenderweise jemand abgeholt hätte, wäre ich um 16:50 Uhr nach Hause gefahren. Dann wäre ich um 17:32 Uhr in Kleindehsa angekommen. Kurz vor Dreiviertel sechs am Abend wäre ich zuhause gewesen. Ich wäre elf Stunden unterwegs gewesen, um in einundzwanzig Kilometer Entfernung acht Stunden zu arbeiten und 10,20 Euro ärmer. Wenn ich meinen Arbeitsbeginn nicht frei hätte wählen können, wäre ich sogar fast zwölf Stunden unterwegs gewesen.

Fazit

Ich freue mich jetzt schon wieder darauf, wenn mein Auto heile ist. Das Nutzen vom öffentlichen Nahverkehr ist möglich, aber sehr unattraktiv, weil zeit- und kostenintensiv. In der Großstadt mag das anders sein (als ich noch in Zwickau wohnte, fuhr ich ausschließlich mit Bus und Bahn), auf dem Land ist es unpraktisch. Natürlich ist mir klar, dass ein Bus nach Fahrplan fahren muss und sich die Fahrgäste deshalb nach den Fahrtzeiten richten müssen und nicht anders herum. Wenn man seine Arbeitszeiten aber nicht nach dem Fahrplan eintakten kann, wird aus dem Arbeitstag schnell ein Ganztagesausflug. Kaum auszudenken, man hätte dann noch andere Dinge zu berücksichtigen, wie zum Beispiel Schließzeiten des Kindergartens, oder den Wocheneinkauf. Finanziell ist das Ganze auch abschreckend. Einziger Vorteil: Während der Fahrt mit dem Bus hat man Zeit zu lesen, oder Berichte so wie diesen hier zu schreiben.

18 Gedanken zu “Mit dem Bus fahren – eine Alltagsgeschichte

      1. Wir kennen uns nicht. Ich kenne Kleindehsa nicht und Bautzen nur wegen des bekannten Senfs (der aber – glaub ich – gar nicht mehr aus Bautzen kommt). Ich hab mich über Deinen Artikel gewundert, weil er trotz Fotoblog so ganz ohne Bilder daher kam (deshalb wohl auch die harsche Äußerung des ersten Kommentatoren), nun hab ich aber aus Neugier doch gegoogelt, dass Dein Wohnort 17 km von Bautzen entfernt ist.

        Die erste Frage in so einem Fall ist ja Mal: ‚Warum ist das überhaupt so?‘. Ein Umzug ist keine Option. Auf mittlere oder lange Sicht bedeuten zwei mal mindestens 30 min pro Stecke eben auch schnell 240 Stunden Berufspendel pro Jahr. Volle 10 Tage.

        Und als nächstes kommt immer die Frage: ‚Gibt es denn keinen dritten Weg?‘. Ich fahre Rad. E-Bike. Meine Strecke ist nur gut halb so weit, dafür ist sie bergig. Ein E-Bike, auf dem flachen Land auch ein schnelles mit 45 km/h macht enormen Spaß und glücklich. Und es erledigt das Thema Bewegung und draussen sein gleich mit. Ich fahre dann ganze Jahr durch bei jedem Wetter, das ist kein Problem (leichte Überhose und Überjacke gegen Regen und Wind genügt, darunter trage ich normale Bürokleidung, allerdings keinen Anzug oder so).

        Ich bin kein Missionar aber es lohnt sich darüber nachzudenken. Mein Auto hab ich inzwischen verkauft (ein Familienfahrzeug haben wir noch). Seit drei Jahren mache ich das jetzt!

        Grüße aus dem Südwesten: Stefan

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      2. Hallo Stefan! Ein Umzug steht in der Tat nicht zur Debatte. Wir haben ein süßes Häuschen und mein Mann arbeitet in der Gegenrichtung. Wir haben auch nur dieses eine Auto. Ein E-Bike wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Allerdings wäre dann wieder die Frage, wie man den Wocheneinkauf erledigt usw.. Das Auto könnte es nicht vollständig ersetzen. Und im Winter haben wir normalerweise recht viel Schnee. Die Radwege werden nicht geräumt. Da bräuchte man dann auch einen Plan B. Schön, wenn das bei Dir so gut umsetzbar ist!
        Übrigens ist das hier ein rein hobbymäßiger Blog. Es geht zwar in der Tat hauptsächlich um die Fotografie, kleine Ausnahmen erlaube ich mir trotzdem von Zeit zu Zeit.

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      3. Warum auch nicht. Ein paar Reportagebilder oder eine verwaiste Bushaltestelle im Nebel machen sich aber auch fotografisch gut ;-).

        Ich fahre ganzjährig, wie gesagt. Bevorzugt über Wald und Feld. Geräumt wird da nix und im Schnee zu fahren ist sogar ganz wunderbar. Leider gab es dieses Jahr fast noch keinen. Im Winter ziehe ich auch am Rad spezielle Winterreifen auf, ja, das gibt’s!

        Meine Frau stellt dieses Jahr auch auf E-Bike um. Ihre Strecke wird Deiner recht ähnlich sein.

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  1. Anschaffung, Wertverfall, TÜV, Reparatur, Verbrauchsmaterialien etc. kosten täglich mehr als man denkt, bei einem normalen Mittelklassewagen (20.000€) und 20.000km im Jahr gerne über 25€ pro Tag, gegen eine Dauerfahrkarte eine schlechte Bilanz, auch ohne die ökologische Seite der Rechnung und den damit verbundenen volkswirtschaftlichen „Kosten.“ Bei uns kostet „all you can drive“ 3€ pro Tag.
    Das Drama – unabhängig von der einzelnen Person – ist natürlich der Teufelskreis um die Infrastruktur. Buslinien werden wegen mangelnder Auslastung gestrichen, was die Auslastung reduziert. Dabei wäre es gerade wichtig jene abzuholen, für die Busfahren zu viel verlangt ist.
    Man muss aber realistisch bleiben: Man wird immer zum Bus gehen müssen, immer einen Fahrplan befolgen müssen, immer die Kosten für die einzelne Fahrt gespiegelt bekommen und ggf. auch keinen Sitzplatz bekommen. Das ist Systemimmanent. Die Frage ist, ob Bequemlichkeit ein zeitgemäßes Gegenargument ist.
    P.S.: Ich bin kein Ökoterrorist 😉

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    1. Ich fahre erst seit ca. 6 Jahren Auto. Vorher in der Stadt brauchte ich keins. Selbst hier auf dem Land habe ich mich lange gegen ein Auto gesträubt. Ich bin sogar mit Einkaufsbeuteln im Bus zum städtischen Supermarkt gefahren. Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. Wenn man tankt, bekommt man auch ständig die steigenden Spritpreise vorgehalten. Es ist einfach so: Wenn man einmal die Annehmlichkeiten eines eigenen fahrbaren Untersatzes kennengelernt hat, möchte man diesen Komfort nicht mehr missen. Und die Nachteile des ÖPNVs machen einem die Entscheidung FÜR ein Auto auch nicht schwer. Man ist einfach ohne Auto viel zu unflexibel auf dem Land.

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  2. Ich wohne auch auf dem Dorf. Ich bin jahrelang mit Bus und Bahn zur Arbeit gefahren. Und war jeden Tag von 6:15 bis 18:00 Uhr unterwegs für 8 Stunden Arbeit. Ja, kann man machen. Und ich habe die Zeit zum Lesen und Lernen genutzt.
    Aber das steht wirklich in keinem vernünftigen Verhältnis. Deshalb kann ich gut verstehen, dass du nicht auf dein Auto verzichten kannst. Ich bin jetzt zum Glück selbständig und habe meinen Arbeitsplatz direkt hier Zuhause.
    Ohne Auto geht hier aber auch gar nichts. Es fährt nicht mal ein Bus.

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  3. Mariola

    Meine Kollegin hat vor Jahren ähnliches erlebt. Sie war seit zwanzig Jahren nicht mehr Bus gefahren.
    Hat dann vorne auf den Fahrschein gewartet und , dass sie ihr Rück Geld bekommt. Das kommt ja heut zutage automatisch raus beides. Und dann war da noch so ne Schranke, wo sie dagegen gerannt ist.

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  4. „…Und die Nachteile des ÖPNVs machen einem die Entscheidung FÜR ein Auto auch nicht schwer….“
    Hi,
    Es ist im Grunde andersrum: Die nach wie vor überwiegende Entscheidung fürs Auto erschweren die Bedingungen für ÖPNV´s.Die 99 Gründe gegen Unbequemlichkeiten und Engagement kenne ich auch. Es geht letztlich drum, den einen Positiven Grund zu finden, der es ermöglicht. Und warum immer 100%-Lösungen? Im Sommer ginge doch die E-Bike-Variante durchaus. Besser, als nichts. Ich habe 35 KM zur Arbeit. Zwischen Wohnort und Arbeit liegt das Rothaargebirge. Ungefähr 30% nutze ich einen Kleinwagen. Der Rest teilt sich auf auf Überlandbus, oder ich fahre morgens per Zug, nehme mein MTB mit, und nachmittags gehts durch die Wälder heim. Seit gut 10 Jahren ist das „Alltag“. Bei Regen, Schnee und Sonnenschein. Ohne E… ;-))
    Zuhause angekommen, ist die Tagesdosis Sport getan. Genial! Aufwändige Dinge müssen ja keinen Aufwandsstatus behalten. Durch Integrieren in den Alltag bekommt das zunehmend den Umstand der Gewohnheit. Wie Zähneputzen…
    Und abgesehen vom Greta-Bonus tut man sich selbst auch einen riesen Gefallen. Es dient der Selbsterghaltung, schärft die Sinne, und macht (nach und nach mehr) Freude.
    LG, Dirk

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    1. Die Entscheidung fürs Auto ist nun aber in der Gesellschaft geschehen. Diese Entwicklung zugunsten Bus und Bahn rückgängig zu machen, wird unter den im Beitrag beschriebenen Bedingungen allerdings sehr schwierig. Fürs Radfahren ohne Strom bin ich zu unsportlich. Im Grunde geht es die gesamte Heimfahrt bergauf. Aber Hut ab, wenn Du das kannst!

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      1. Naja, man kann das fix und alle diskutieren. Aber deine Entscheidung für dein Auto hat nicht die Gesellschaft getroffen, sondern du. Sportlich zu werden, oder es zu lassen, ist im Ende beides legitim, aber das fängt auch nicht bei anderen an. Spurtreu mit der Masse denken, bringt kaum Veränderung. Kleine, realistische Ziele sind der Schlüssel, der Beginn, und schlußendlich der einzige Weg. Ich wünsche dir kreative Gedanken 😉

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  5. Ich wohne städtisch. Im Rhein-Main-Gebiet. Aber der neuste Fahrplan ist abschreckend. Fuhr bisher zu Stoßzeiten alle 20 min ein Bus, fährt nun nur noch alles 30 min ein Bus und abends nur noch stündlich. Die Haltestelle wird nun auch nur noch auf dem Hinweg Richtung Mainz angefahren, zurück muss man die nächste Haltestelle nutzen. Angeblich damit das Industiregebiet nun besser angebunden ist. Da fahren aber kaum Leute hin. Und dieser Bus endet auch nicht dort bzw. fährt nur zu ganz bestimmten Zeiten da hin. Wir sind nun sozusagen auf dem Abstellgleis. ÖPNV ist auch in der Vorstadt dadurch leider keine wirkliche Alternative mehr.
    Ich fahre auch E-Bike, aber nicht bei Regen und Schnee. Sorry, aber ich bin Ü50 und habe nicht vor mir die Knochen zu brechen und dann wochenlang aus dem Verkehr gezogen zu werden. Ich bin Freiberufler und kann mir das nicht leisten.
    Von mir hast du volles Verständnis für diesen (Frust) Post.

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